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Firmen brauchen führende Frauen – und zwar jetzt

Obwohl bereits in vielen Unternehmen Frauen den Chefsessel besetzen, gibt es immer noch zu wenig weibliche Führungspositionen auf dieser Welt. Warum sich das jetzt ändern muss, erfährst Du in diesem Artikel.

Wusstest Du, dass kleine Mädchen schon von Kindesbeinen an weniger Selbstvertrauen entwickeln als Jungs? Oft liegt das an der unterschiedlichen Erziehung: “Mädchen dürfen nicht dreckig werden und keine Risiken eingehen. Sie werden zu Angepasstheit erzogen – bei Buben wird Robustheit gefördert, aber keine Fürsorge. Das wirkt sich auf das Selbstbild aus: Buben haben bei gleichen schulischen Leistungen ein höheres Selbstvertrauen”, sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm vom Forschungsinstitut Swiss Education. “Deshalb haben Frauen im Schnitt auch später noch mehr Selbstzweifel und trauen sich weniger zu, beruflich an die Spitze zu kommen.”

Bevor Frauen also alt genug sind, sich überhaupt für einen Beruf zu entscheiden, wird ihnen unbewusst schon ans Herz gelegt, nicht zu gross zu träumen. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Frauen Schwierigkeiten damit haben, die Glasdecke zu durchbrechen. Es ist anstrengend, sich ständig mit ausgefahrenen Ellenbogen durch die Welt zu boxen, immer auf der Hut vor einem neuen Hindernis entlang der Karriereleiter.

Während das zwar für beide Geschlechter gilt, ziehen Frauen in Karrieredingen meist genetisch bedingt den Kürzeren: Frauen mit Kinderwunsch sind oft gezwungen, ihre Vollzeitstellen (und damit auch den Lohn) zu reduzieren oder die Arbeitswelt komplett zu verlassen. Eine zusätzliche Challenge zeigt sich für Frauen in Senior-Positionen, die eine zweimal höhere Chance haben, die einzige Frau am Arbeitsplatz zu sein, als Frauen im Allgemeinen. Das macht es wahrscheinlicher, dass diese Frauen, im Vergleich zu Frauen die mit anderen Frauen zusammenarbeiten, oft den Druck verspüren, mehr zu arbeiten. Sie erleben auch öfter Mikro-Aggressionen und müssen öfter zusätzliche Beweise für ihre Kompetenz liefern, wie ein Bericht über Frauen am Arbeitsplatz von McKinsey & Partner zeigt.

Unsere Gesellschaft verdient mehr Vielfalt

Dabei war es im Mittelalter noch gang und gäbe, dass Frauen genauso viel und hart arbeiten wie Männer. Erst mit der Entstehung der Zünfte, bei denen Frauen zumindest in Zürich bis heute nicht mitmachen dürfen, hat sich die Schweiz hin zum gängigen Familienmodell gewandelt: der Vater geht arbeiten, die Mutter schmeisst den Haushalt und die Kinder fallen in die typischen Geschlechterrollen von Jungs und Mädchen. Eine schwarz-weisse Welt in der kein Platz für Vielfalt bleibt.

Und so kommt es, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der 91 Prozent aller Betreuungsberufe im Gesundheitswesen von Frauen erledigt werden. Fürsorgliche, Kinder kriegende und vermeintlich schwache Frauen, wohlgemerkt, die diese physisch und mental anstrengenden Jobs leisten. Gerade in Zeiten einer Pandemie sollte einem bewusst werden, dass so ein Ungleichgewicht der Geschlechter im Pflegesektor nicht ewig gut gehen kann.

Die folgenden Daten stammen zu einem grossen Teil aus der Ausstellung “Geschlecht”, die noch bis 31. Oktober 2021 im Stapferhaus in Lenzburg zum Entdecken einlädt. Ein Besuch lohnt sich!

Ein Ungleichgewicht zieht sich durch alle Branchen:

  • Von den Arbeitnehmenden, die monatlich mehr als 16’000 Franken verdienen, sind bloss 16 Prozent weiblich.
  • Historisch gesehen gab es bisher mehr Bundesräte mit dem Namen Hans (14) als Frauen (9). Aktuell beträgt die Frauenquote im Stände- und Nationalrat bloss 39 Prozent.
  • Die Staaten der Welt werden zu 94 Prozent von Männern regiert. Allerdings: Jene Staaten, die von Frauen regiert werden, schnitten in Punkto Performance im Krisenjahr 2020 deutlich besser ab.
  • An den Schweizer Hochschulen lehren nur 23 Prozent Professorinnen.
  • Von allen Maurerinnen und Maurern der Schweiz sind 1 Prozent Frauen und 99 Prozent Männer.

Und auch im Alltag ist das Ungleichgewicht unschwer zu erkennen:

  • Von den Personen, die in den Tagesnachrichten erwähnt werden, sind nur 24 Prozent Frauen.
  • Die Basler Musikerinnen machen laut einer Studie zum Frauenanteil in Basler Bands nur 15 Prozent aus.
  • Passend dazu: Die Klaviertasten eines Pianos sind für Männerhände genormt. Das erhöht das Risiko für berufsbedingte Schmerzen und Verletzungen bei Frauen.
  • Das gilt übrigens auch für Crash Test Dummies oder Airbags, die nach männlichen Körpern genormt sind.
  • Von der Altersrente aus der beruflichen Vorsorge fliessen 31 Prozent an Frauen und 69 Prozent an Männer.
  • Während Männer häufiger an Herz-Kreislauf-Krankheiten erkranken, sterben statistisch gesehen trotzdem mehr Frauen daran, weil die Standardtests auf Männer ausgerichtet sind.
  • Auch Medikamente – inklusive Arzneien gegen Gebärmutterhalskrebs zum Beispiel – werden oft nicht an beziehungsweise für Frauen getestet.


Das sind nur ein paar der tiefen Gräben in unserer Gesellschaft, die in quasi allen Lebensbereichen stark auf ein einziges Geschlecht fixiert ist. Um wirklich eine gleiche Basis für alle zu schaffen, braucht es Frauen in Führungspositionen, Frauen als Professorinnen und Frauen als Regierungschefinnen. Sie dienen als Vorbilder für kleine Mädchen, die gerne anpacken und machen. Sie geben anderen Frauen die Inspiration, ebenfalls beruflich durchzustarten. Und sie ebnen den Weg für eine gerechtere Welt. In dem sie Gesetze erlassen, Unternehmen führen und die Zukunft aktiv für sich und andere Frauen mitgestalten.

Das dürfte sich auch Adena Friedman gedacht haben: Als CEO von Nasdaq, der grössten elektronischen Börse der USA, hat sie kürzlich bekanntgegeben, dass Firmen künftig neue Regeln einhalten müssen. Um an ihrer Börse gehandelt zu werden, müssen Frauen oder Minderheiten im Unternehmens-Vorstand vertreten sein. Wer diese Regel nicht erfüllen kann oder will, muss sich öffentlich dazu äussern und eine Erklärung abliefern. So soll für mehr Transparenz gesorgt werden und eine höhere Quote an Frauen, LGBTQ+ und Minderheiten in Führungspositionen entstehen.

 

Ein hervorgehobenes Zitat aus dem Artikel

Die Krux mit der Quote

Klar, das Wort “Quote” klingt immer ein bisschen nach “müssen” und der Mensch muss nicht gerne. Trotzdem ist es nun mal 2021 und wer hat schon Zeit, darauf zu warten ob jemand “möchte” oder nicht. Das sieht übrigens auch Norwegen so und fordert in seiner Frauenquote gleich 40 Prozent weibliche Vorstandsmitglieder für einheimische Firmen.

Derweil muss Paris eine Geldstrafe über EUR 90’000 zahlen, weil zu viele Frauen in Führungspositionen arbeiten. Das hat das Ministerium anhand der französischen Quote beschlossen, nach der 40 Prozent eines Geschlechts vertreten werden müssen. Mit aktuell 31 Prozent Männern sei dies nicht erfüllt. Die Bürgermeisterin der französischen Hauptstadt findet das absurd, wird die Strafe aber “mit Freude” zahlen – und zwar persönlich und gemeinsam mit anderen Frauen in Führungspositionen. “Um eines Tages die Parität zu erreichen, müssen wir aufs Tempo drücken, damit mehr Frauen als Männer ernannt werden”, so Bürgermeisterin Anne Hidalgo.

Moment. Mehr Frauen als Männer? Richtig gelesen, denn um unseren zukünftigen Generationen ein ausgeglichenes Spielfeld überlassen zu können, müssen wir die Fehler der Vergangenheit irgendwie ausbügeln. Und Frauen könnten da enorm beitragen: mit ihrer Empathie, ihrer Fürsorglichkeit, ihrem Wissen, ihrer Wiederstandsfähigkeit und Vielfältigkeit. Sie können so für angenehme Betriebsklimas ohne toxische Arbeitsmoral sorgen, effizientere Arbeitswege erdenken, und kreative Lösungen finden, die den Alltag von uns allen erleichtern. Und vielleicht werden Medikamente für Frauen so irgendwann sogar von Frauen entwickelt?

Es ist zwar noch ein weiter Weg bis Gleichberechtigung zur Realität wird, doch die Zukunft sieht bereits jetzt ein bisschen gerechter aus. “Zumindest auf den Teppichetagen bedeutender Schweizer Unternehmen wie UBS Schweiz, Mobiliar oder Hotelplan Group war 2020 das Jahr der Frauen”, schrieb kürzlich erst die SonntagsZeitung. Dass keine der im Artikel erwähnten Frauen zu einer Minderheit gehört, nimmt dabei aber etwas Luft aus den Segeln.

Jede Frau in einer Führungsposition ist ein Schritt in diese gerechtere Zukunft und Unternehmen müssen diesen Schritt jetzt wagen. Für eine gerechtere Welt für alle. Auf dass 2021 erneut das Jahr der Frauen in Chefsesseln wird – und diesmal nicht nur für die Weissen.

Wenn du mehr darüber wissen willst, wie Gleichberechtigung Chancen für alle schaffen kann, findest du hier einen Kommentar von Inyova-CEO Dr. Tillmann Lang. Warum die Geschlechterfrage mit der Klimakrise Hand in Hand geht, wird in diesem Gastbeitrag erklärt. Und für alle Männer (und Frauen), denen das jetzt alles etwas zu viel geworden ist, hat CEO Tillmann Lang vier Alltags-Tipps auf Lager, die kinderleicht anzuwenden sind und für ein gleichberechtigtes Miteinander sorgen.